1. Neue Empfehlungen – und was sie für dich und für Yoga bei Arthrose bedeuten
Seit Jahren gilt: Bewegung ist bei Arthrose keine Kür, sondern die wichtigste nicht-medikamentöse Maßnahme überhaupt. Jetzt hat die European Alliance of Associations for Rheumatology (EULAR) ihre Empfehlungen aktualisiert und im April 2026 neu veröffentlicht – erstmals seit 2018. Herausgekommen sind vier übergeordnete Prinzipien und elf konkrete Empfehlungen dazu, wie Bewegung bei entzündlicher Arthritis (etwa rheumatoider Arthritis) und bei Arthrose sinnvoll gestaltet werden sollte.
Die Empfehlungen richten sich in erster Linie an Ärztinnen, Physiotherapeuten und andere Fachpersonen. Sie prägen aber langfristig auch das, was in der Praxis bei dir ankommt: welche Art von Bewegung empfohlen wird, wie Programme aufgebaut sind, und welche Rolle Sitzzeit, individuelle Anpassung oder persönliche Begleitung dabei spielen.
Genau deshalb ist es mir wichtig, diese Empfehlungen nicht nur Fachkreisen zu überlassen, sondern sie dir verständlich zugänglich zu machen. Denn wenn du weißt, was aktuell als fachlicher Standard gilt, kannst du selbst einschätzen, ob das, was dir angeboten oder empfohlen wird, diesem Stand entspricht. Und je klarer dir ist, warum eine Übung, ein Aufbau oder eine Herangehensweise so gewählt ist, wie sie ist, desto leichter fällt es dir, motiviert und mit Überzeugung dabeizubleiben.
Für mich als Yogatherapeutin und Heilpraktikerin, die seit Jahren mit Menschen mit Knie- und Hüftarthrose arbeitet, ist vieles davon keine Überraschung: Die Bedeutung von intensiven Trainingseinheiten, individuelle Anpassung, der Blick auf den ganzen Alltag statt nur auf einzelne Übungen, die enge Begleitung durch persönlichen Kontakt – all das ist im 8-Wochen-Intensivprogramm von YOGA bei ARTHROSE fester Bestandteil, einfach weil die Wirksamkeit schon lange studienmäßig klar belegt ist. An manchen Stellen gehen mir die neuen Empfehlungen sogar noch nicht weit genug. Und trotzdem gibt es Impulse in diesem Update, die ich sehr gerne aufgreife.
Welche das sind – und was sich in den Empfehlungen sonst noch alles geändert hat – schauen wir uns im nächsten Kapitel an.
2. Was sind die EULAR-Empfehlungen und was hat sich geändert?
EULAR, die European Alliance of Associations for Rheumatology, ist der europäische Dachverband der rheumatologischen Fachgesellschaften. 2018 veröffentlichte EULAR erstmals Empfehlungen zur körperlichen Aktivität bei entzündlicher Arthritis und Arthrose. Jetzt liegt das 2025er-Update vor, im April 2026 in der Fachzeitschrift Annals of the Rheumatic Diseases veröffentlicht.
Weil die Empfehlungen sowohl entzündliche Gelenkerkrankungen als auch Arthrose umfassen, schauen wir in diesem Artikel gezielt auf die Aussagen, die für Betroffene von klassischer Knie- oder Hüftarthrose relevant sind.
Wie ist das Update entstanden?
Eine 26-köpfige Task Force aus 17 Ländern – Rheumatologinnen, Physiotherapeuten, Sportmediziner und auch Patientenvertreter – hat dafür die wissenschaftliche Literatur zwischen 2017 und 2024 systematisch ausgewertet: über 50 systematische Übersichtsarbeiten, mehr als 30 randomisierte Studien und 25 qualitative Untersuchungen sind eingeflossen. Diese breite Basis ist der Grund, warum die Empfehlungen ein so hohes Gewicht haben.
Die zentralen Neuerungen
Reduktion von Sitzzeit
Der auffälligste Unterschied zu 2018: Die Empfehlungen orientieren sich jetzt deutlich stärker an den 2020 aktualisierten WHO-Bewegungsleitlinien. Damit rückt ein Aspekt in den Vordergrund, der vorher kaum eine Rolle spielte: die Reduktion von Sitzzeit. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie viel und wie intensiv du dich bewegst, sondern genauso darum, wie viel Zeit du am Tag sitzend oder liegend verbringst – und wie du das gezielt unterbrichst.
Bewegungssnacks: kurze Einheiten zählen jetzt genauso
Damit eng verbunden ist eine zweite, fast schon bahnbrechende Änderung: Bisher galt, dass eine Bewegungseinheit mindestens 10 zusammenhängende Minuten dauern musste, um für die empfohlenen Wochenminuten mitgezählt zu werden. Diese Regel ist gefallen. Die WHO – und mit ihr jetzt auch EULAR – erkennt an, dass auch kurze Bewegungsimpulse von wenigen Sekunden bis Minuten, über den Tag verteilt, einen echten gesundheitlichen Nutzen haben, sogenannte Bewegungssnacks. Das ist deshalb so bedeutsam, weil gerade lange, durchgehende Trainingseinheiten für viele Menschen mit Arthrose eine hohe Hürde darstellen können. Mit den Bewegungssnacks zählt jetzt auch das kurze Aufstehen, Strecken oder ein paar bewusste Schritte zwischendurch als vollwertiger Beitrag – und wirkt gleichzeitig der langen Sitzzeit entgegen.
Kontraindikationen gestrichen – es gibt keine Gründe, vollständig auf Bewegung zu verzichten
2018 gab es noch eine eigene Empfehlung zu Kontraindikationen für Bewegung. Die wurde jetzt komplett gestrichen – mit der klaren Begründung, dass es keine krankheitsspezifischen Gründe gibt, grundsätzlich auf Bewegung zu verzichten. Stattdessen soll die Intensität an die aktuelle Situation angepasst werden, aber eben nicht komplett vermieden werden. Das ist eine Botschaft, die ich für sehr wichtig und motivierend halte! Was bedeutet das konket: Wenn ein geschwollenes Knie gerade keine kniebelastende Übung zulässt, kann sanftes Fahrradfahren im Liegen oder eine Übung für eine andere Körperregion sinnvoll sein.
Was die vier Grundprinzipien und elf Empfehlungen im Einzelnen bedeuten – und wie konkret sie werden, wenn es um dein Knie oder deine Hüfte geht – schauen wir uns im nächsten Kapitel an.
3. Die vier übergeordneten Prinzipien (kurz erklärt)
Bevor es um einzelne Übungsempfehlungen geht, hat sich die Task Force auf vier übergeordnete Prinzipien verständigt. Sie bilden den Rahmen, in dem sich alle elf konkreten Empfehlungen bewegen.
Bewegung und weniger Sitzen gehören zusammen
Das erste Prinzip stellt beides bewusst nebeneinander: Regelmäßige Bewegung und die Reduktion von Sitzzeit gelten gemeinsam als zentral für die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Menschen mit entzündlicher Arthritis und Arthrose. Es reicht also nicht, nur auf die Trainingseinheiten zu schauen – der Rest des Tages zählt genauso mit.
Sitzzeit-Reduktion wirkt für sich allein
Das zweite Prinzip geht noch einen Schritt weiter: Weniger Sitzen hat einen eigenständigen gesundheitlichen Nutzen – unabhängig davon, wie aktiv du darüber hinaus bist. Das bedeutet: Selbst an Tagen, an denen intensivere Bewegung gerade nicht möglich ist, lohnt es sich, Sitzzeiten bewusst zu unterbrechen.
Vier Bewegungsbereiche gelten als sicher und machbar
Das dritte Prinzip bestätigt, dass die allgemeinen Bewegungsempfehlungen für alle vier zentralen Bereiche – Ausdauer, Muskelfitness, Beweglichkeit und Koordination – für Menschen mit entzündlicher Arthritis und Arthrose anwendbar sind: machbar und sicher. Keiner dieser vier Bereiche wird also grundsätzlich ausgeschlossen, nur weil ein Gelenk betroffen ist.
Bewegungsförderung als gemeinsame Entscheidung
Das vierte Prinzip betrifft die Art, wie Bewegung vermittelt wird: nicht als Verordnung von oben, sondern als gemeinsame Entscheidung zwischen Fachperson und Betroffener, die deren Vorlieben, Fähigkeiten und Ressourcen berücksichtigt. Bewegung soll zu dir passen – nicht du dich in ein starres Programm einfügen.
Vier Prinzipien, die sich einfach lesen – aber genau hier liegt die eigentliche Herausforderung: Wie sieht das konkret aus, wenn eine Fachperson diese Prinzipien tatsächlich mit dir gemeinsam umsetzen soll? Genau das regeln die elf Detailempfehlungen, die auf diesen Prinzipien aufbauen.
4. Die Empfehlungen im Überblick
Auf Basis der vier Prinzipien hat die Task Force elf konkrete Empfehlungen formuliert, die den gesamten Prozess von der ersten Einschätzung bis zur Umsetzung im Alltag begleiten:
- Bewegungsförderung soll fester Bestandteil der Standardversorgung sein. Diese Empfehlung wurde gegenüber 2018 nicht verändert, durch die neue Evidenz aber deutlich bekräftigt: Auch intensiveres Training führte bei Menschen mit entzündlicher Arthritis oder Arthrose nicht zu mehr Abbrüchen oder ernsthaften Nebenwirkungen als in Kontrollgruppen; berichtete Nebenwirkungen waren überwiegend vorübergehend und leicht. Bewegung verschlechtert die Krankheitsaktivität nicht – sie gilt gemeinsam mit Patientenschulung als Eckpfeiler der nicht-medikamentösen Behandlung. (Leider sind wir in Deutschland noch weit davon entfernt, allein diese erste Empfehlung konsequent umzusetzen.)
- Alle beteiligten Fachpersonen tragen Mitverantwortung, inklusive gezielter Weitervermittlung. Als praktisches Screening-Werkzeug nennt die Task Force das sogenannte „Physical Activity Vital Sign“ – drei einfache Fragen zu Tagen und Minuten moderater bis anstrengender Bewegung sowie Krafttraining pro Woche, mit denen unzureichend aktive Personen schnell erkannt werden können. Fachpersonen ohne die nötige Zeit oder Kompetenz sollen aktiv an spezialisierte Kolleginnen und Kollegen verweisen.
- Standardisierte Methoden sollen zeigen, in welchem der vier Bewegungsbereiche – Ausdauer, Muskelfitness, Beweglichkeit, Koordination – Verbesserungsbedarf besteht. Diese Empfehlung ist komplett neu gegenüber 2018. Bemerkenswert: Die Zustimmung der Expertengruppe war mit 8,9 von 10 sehr hoch, die eingeschätzte Umsetzbarkeit in der Praxis mit 7,5 von 10 aber spürbar niedriger als bei den meisten anderen Empfehlungen – das Gremium räumt also selbst ein, dass die konsequente Erfassung aller vier Bereiche aufwändig ist.
- Individuelle, soziokulturelle, wirtschaftliche und umweltbedingte Barrieren und Erleichterungen sollen erkannt und angegangen werden. Diese Empfehlung fasst zwei frühere Empfehlungen zusammen. Neu aufgenommen wurde das Thema Technologie als Barriere und Erleichterung zugleich: Ein Wearable kann enorm motivieren, dieselbe Sichtbarkeit der eigenen Einschränkungen aber auch demotivierend wirken. Interessant ist zudem der Befund, dass hochintensives Training von Betroffenen häufig nicht als Hürde, sondern als positive Herausforderung wahrgenommen wird – und dass Menschen mit entzündlicher Arthritis eher wegen Erschöpfung oder unvorhersehbarer Schübe sitzen, während bei Arthrose meist gelenk- und belastungsbedingte Schmerzen sowie das höhere Alter der Betroffenen eine Rolle spielen.
- Körperliche, psychische und soziale Faktoren sollen erfasst werden, um individuelle Anpassungen abzuleiten. Die Task Force betont ausdrücklich, dass kein einzelner Faktor wichtiger ist als ein anderer – entscheidend sind letztlich Wahrnehmung, Fähigkeiten und Ressourcen der jeweiligen Person. Praktisch bedeutet das etwa: Muskelkater bis 48–72 Stunden nach dem Training gilt als normale Reaktion, vor allem bei Trainingsanfängerinnen; hält der Schmerz länger als 24 Stunden an, sollte die Intensität reduziert werden („24-Stunden-Regel“). Bei stark eingeschränkten Personen wird empfohlen, mit einer niedrigen, sicher verträglichen Dosis zu beginnen und über vier bis sechs Wochen schrittweise zu steigern.
- Bewegungsinterventionen sollen von kompetenten Fachpersonen durchgeführt werden. „Kompetent“ bedeutet laut Task Force: ausgebildet und erfahren in Rheumatologie, personenzentrierter Kommunikation sowie Bewegung und Training. Die generischen EULAR-Kernkompetenzen gelten dabei als Grundlage, für eine individuelle Übungsverordnung können aber zusätzliche, spezifischere Fähigkeiten nötig sein.
- Häufigkeit, Intensität, Dauer, Art und Steigerung sollen klar definiert werden – das FITT-VP-Prinzip. Diese Empfehlung wurde bewusst herausgelöst, um die Bedeutung der korrekten Dosierung stärker zu betonen: Frequency (Häufigkeit), Intensity (Intensität), Time (Dauer), Type (Art), Volume (Umfang) und Progression (Steigerung) – sechs Stellschrauben, die bei jeder Übungsverordnung sorgfältig festgelegt werden sollen. Dabei zählt Muskelfitness gleichrangig neben Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination zu den vier zentralen Bereichen – die Leitlinie ersetzt hier bewusst den bisherigen Begriff „Muskelkraft“ durch „Muskelfitness“, der Kraft, Ausdauer und Leistungsfähigkeit gemeinsam fasst. Als konkreten Richtwert übernimmt die Leitlinie die WHO-Empfehlung von 2020: mindestens 150–300 Minuten moderate oder 75–150 Minuten intensive Ausdauerbewegung pro Woche (oder eine Kombination daraus), ergänzt durch regelmäßiges Kraft-, Beweglichkeits- und Koordinationstraining sowie die bereits besprochenen Bewegungssnacks zwischendurch.
- Der Verlauf soll über die Zeit evaluiert werden, mit einer Kombination aus subjektiven und objektiven Messgrößen. Zur Wahl stehen objektive Messgrößen wie Herzfrequenzmesser oder Wearables und subjektive Maße wie Fragebögen oder Tagebücher. Welche Kombination sinnvoll ist, hängt von Ressourcen, digitaler Gesundheitskompetenz, Erhebungsaufwand und möglichen Verzerrungen wie Erinnerungsfehlern oder sozialer Erwünschtheit ab.
- Selbstmonitoring, Zielsetzung, Handlungsplanung, Feedback und Problemlösung sollen fest eingeplant werden. Diese Empfehlung stützt sich auf Evidenz zu sogenannten Verhaltensänderungstechniken. In den seit 2017 neu ausgewerteten Studien kamen zwischen 4 und 17 verschiedene solcher Techniken zum Einsatz, meist kombiniert aus persönlichem Kontakt und technologiegestützten Elementen. Auffällig: Zur gezielten Reduktion von Sitzzeit gibt es deutlich weniger Studien, ihre Wirksamkeit gilt laut der zugehörigen Meta-Analyse noch als unsicher.
- Verschiedene Vermittlungsformen sollen berücksichtigt werden. Diese Empfehlung wurde inhaltlich nicht verändert, nur „online“ wurde durch das umfassendere „digital“ ersetzt. Bemerkenswert: Keine einzige Vermittlungsform – betreut oder unbetreut, einzeln oder in der Gruppe – hat sich in der Evidenz als grundsätzlich überlegen erwiesen. Die Wahl soll sich daher konsequent an Vorlieben, Ressourcen und digitaler Gesundheitskompetenz der jeweiligen Person orientieren.
- Wearables und digitale Technologien sollen bei der Bewegungsförderung mitgedacht werden. Diese komplett neue Empfehlung erkennt an, wie etabliert Wearables im Alltag längst sind – die Akzeptanz von Geräten wie Fitbit gilt mit einer Tragequote von über 80 Prozent als hoch. Sie können als reines Messinstrument oder als eigenständige Intervention eingesetzt werden, etwa kombiniert mit Beratung. Die Task Force weist aber ausdrücklich darauf hin, dass digitale Gesundheitskompetenz und Gerätezugang mitgedacht werden müssen, damit der Einsatz nicht zu neuer gesundheitlicher Ungleichheit führt.
So weit die Theorie. Die spannendere Frage folgt jetzt: Was davon ist in YOGA bei ARTHROSE längst gelebte Praxis – und wo zeigt sich, dass selbst ein durchdachtes 8-Wochen-Intensivprogramm nicht jede Empfehlung eins zu eins erfüllt? Damit starten wir im nächsten Kapitel.
5. Was wir in YOGA bei ARTHROSE schon (lange) umsetzen
Die meisten dieser Empfehlungen sind in YOGA bei ARTHROSE längst gelebte Praxis – nicht, weil wir alle Leitlinien und Empfehlungen Punkt für Punkt abgearbeitet hätten, sondern weil sie schon lange studienmäßig gut belegt sind und sich in der praktischen Arbeit mit Menschen mit Knie- und Hüftarthrose bewährt haben. Im Folgenden gebe ich dir einen Überblick, an welchen Stellen genau – und auf welche Art und Weise.
Die richtige Intensität finden
Empfehlung 7 fordert, Häufigkeit, Intensität, Dauer, Art und Steigerung einer Bewegungsintervention klar zu definieren. Genau das steckt im 3-Level-System des Programms: In Woche 1 startest du mit 1×10 Wiederholungen der neuromuskulären Übungen, in Woche 2 sind es 2×10, in Woche 3 bereits 2×12 – die Dosis wächst kontrolliert mit, statt dich zu überfordern oder zu unterfordern. Und das Programm deckt dabei auch die intensiveren Trainingseinheiten ab, die die Empfehlungen ausdrücklich als sicher und wirksam bestätigen: Im Level 3 der Yoga-Einheiten arbeitest du mit moderat-dynamischen Flows und kräftigenden, mobilisierenden Asanas – bewusst intensiver als in Level 1, aber ohne stark gelenkbelastende Positionen.
Bewegungssnacks – und warum das für mich nicht reicht
Was die Empfehlungen als „Bewegungssnacks“ bezeichnen, kennt ihr im Programm längst als Alltagshäppchen: kleine Mini-Übungen, die du in normaler Kleidung immer wieder zwischendurch übst, ganz ohne Hilfsmittel. Hier gehen mir die Empfehlungen allerdings nicht weit genug. Es darf nicht nur darum gehen, über den Tag verteilt ein paar zusätzliche Bewegungsminuten zu sammeln. Das eigentliche Ziel muss die Veränderung deiner Alltags-Bewegungsmuster selbst sein – wie du aufstehst, gehst, dich bückst. Genau das ist der Sinn der Alltagshäppchen: Sie stellen den Transfer von der Matte in dein Leben her und verankern wieder gesunde Bewegungsmuster, statt nur ein zusätzliches Mini-Training obendrauf zu packen.
Individuelle Anpassung von Anfang an
Empfehlungen 4 und 5 verlangen, Barrieren zu erkennen und körperliche, psychische und soziale Faktoren zu erfassen, um individuell anzupassen. Dafür gibt es das 1:1-Bewegungscoaching zu Kursbeginn: 55 Minuten, in denen wir uns kennenlernen und gemeinsam einordnen, welches der drei Level für dich bei den neuromuskulären Übungen und beim Yoga passt – festgehalten in einem persönlichen Empfehlungsbogen. Auch die von den Empfehlungen genannte 24-Stunden-Regel – hält ein Schmerz länger als 24 Stunden nach dem Training an, wird die Intensität reduziert – nutzen wir im 8-Wochen-Intensivprogramm ganz bewusst. Die Rückmeldungen dazu zeigen mir immer wieder, wie hilfreich diese einfache Regel ist, um eine Überforderung klar zu erkennen.
Motivation und Dranbleiben
Empfehlung 9 fordert Selbstmonitoring, Zielsetzung, Feedback und Problemlösung als festen Bestandteil. Im Programm läuft das über die wöchentlichen Motivationsmails, dein Bewegungstagebuch, das du schon in Modul 1 anlegst, und das 14-tägige Gruppencoaching, in dem offene Fragen und Stolpersteine besprochen werden.
Vielfalt an Formaten
Empfehlung 10 verlangt, unterschiedliche Vermittlungsformen entsprechend individueller Vorlieben anzubieten. Genau diese Bandbreite bietet das Programm: Live-Online-Termine in der Gruppe (montags neuromuskuläre Übungen, dreimal wöchentlich Yoga in den drei Levels), Videos im Mitgliederbereich zum eigenständigen, digitalen Üben, dazu das persönliche 1:1-Coaching und Sprechstunden für individuelle Fragen.
Kompetenz statt Zufall
Und schließlich Empfehlung 6: Bewegungsinterventionen sollen von kompetenten Fachpersonen durchgeführt werden. Als Heilpraktikerin, Schmerztherapeutin, Yogalehrerin und Yogatherapeutin mit mehr als 1.000 Ausbildungsstunden arbeite ich seit Jahren mit Menschen mit Arthrose-Beschwerden. Der Kern meines Programms, die neuromuskulären Übungen, orientieren sich am dänischen GLA:D-Konzept, einem seit Jahren wissenschaftlich untersuchten Behandlungsansatz. Ich freue mich sehr, als zertifizierte GLA:D-Therapeutin dieses Konzept kennengelernt zu haben.
So viel zu dem, was längst gute Praxis ist. Zu einem ehrlichen Blick gehört aber auch das Gegenteil: Es gibt Empfehlungen, die wir bisher nicht in dieser Form umsetzen. Welche das sind, und warum, schauen wir uns im nächsten Kapitel an.
6. Was wir (noch) nicht machen, und warum
Zu einem ehrlichen Blick auf die eigene Arbeit gehört auch, offen zu benennen, was (noch) nicht umgesetzt ist – und ob sich das ändern sollte.
Standardisierte Erfassung aller vier Bewegungsbereiche
Empfehlung 3 verlangt, mit standardisierten Methoden zu erfassen, in welchem der vier Bewegungsbereiche – Ausdauer, Muskelfitness, Beweglichkeit, Koordination – bei einer Person Verbesserungsbedarf besteht. Wir machen das in Teilen bereits, im Willkommensworkshop und im Ankommensmodul des Programms schauen wir uns die Ausgangssituation jeder Teilnehmerin an. So systematisch und intensiv, wie es hier empfohlen wird, setzen wir es aber nicht um. Der Grund: Es ist in der Praxis schwierig, alle vier Bereiche sauber zu ermitteln, und der Ermittlungsaufwand würde den zusätzlichen Erkenntnisgewinn für den Alltag unserer Teilnehmerinnen aktuell nicht rechtfertigen.
Objektive Verlaufsmessung
Empfehlung 8 empfiehlt eine Kombination aus subjektiven und objektiven Messgrößen, um Fortschritte über die Zeit zu evaluieren. Das Bewegungstagebuch und der Empfehlungsbogen aus dem 1:1-Coaching decken den subjektiven Teil bereits gut ab. Die objektive Verlaufsmessung beschränkt sich derzeit auf einen einzigen funktionellen Test. Was fehlt, ist ein Set an objektive Komponente – etwa wiederkehrende funktionelle Tests oder Daten aus einem Wearable, die deinen Fortschritt unabhängig von deiner eigenen Einschätzung sichtbar machen würden.
Wearables und digitale Technologien
Und damit sind wir bei Empfehlung 11, der komplett neuen Empfehlung des Updates: Wearables und andere digitale Technologien sollen bei der Bewegungsförderung mitgedacht werden. Aktuell setzen wir bewusst auf das Gegenteil: Statt auf ein Gerät zu schauen, das dir sagt, wie du dich bewegt hast, schulen wir deine eigene Körperwahrnehmung – wie belastest du deine Füße, wie fühlt sich ein Gelenk in einer bestimmten Position an, wie atmest du dabei. Das Ziel ist, dass du zunehmend unabhängig von Einschätzungen von außen wirst, nicht abhängiger von ihnen.
Trotzdem geht mir dieser Impuls aus den Empfehlungen nicht aus dem Kopf. Denn die beiden vorherigen Lücken – die fehlende standardisierte Erfassung und die fehlende objektive Verlaufsmessung – ließen sich mit durchdachtem Technologieeinsatz tatsächlich schließen, ohne dass die Arbeit an der Körperwahrnehmung dafür aufgegeben werden müsste. Ein Wearable oder eine App müsste die Körperwahrnehmung nicht ersetzen, sondern könnte sie ergänzen: als zusätzliche, objektive Rückmeldung neben dem, was du selbst spürst. Wichtig ist mir dabei genau das, worauf auch die Task Force hinweist: Nicht jede Frau in unserer Zielgruppe hat dieselbe digitale Gesundheitskompetenz oder denselben Zugang zu solchen Geräten – das dürfte also, wenn überhaupt, nur ein freiwilliges Zusatzangebot sein, nie eine Voraussetzung.
Ob und in welcher Form das in Zukunft Teil von YOGA bei ARTHROSE wird, ist noch offen. Aber es ist genau der Gedanke, den ich aus diesem Update mitnehme.
7. Fazit
Was bleibt am Ende dieses Blicks auf die neuen EULAR-Empfehlungen? Vor allem eine klare Bestätigung: Bewegung wird hier noch einmal ausdrücklich als besonders wichtig für Menschen mit entzündlicher Arthritis und Arthrose herausgestellt – nicht als optionale Ergänzung, sondern als fester Bestandteil der Versorgung, und zwar in jeder Phase der Erkrankung.
Außerdem spielen aus meiner Sicht zwei Botschaften eine wichtige Rolle:
Die erste dieser Botschaften: Es gibt keine pauschalen Gründe, grundsätzlich auf Bewegung zu verzichten. Die Frage ist nie das Ob, sondern das Wie – welche Intensität, welche Form, welches Tempo gerade passt. Der Gedanke an Kontraindikationen bremst am Ende nur aus, statt den Blick auf das zu richten, was tatsächlich weiterhilft: die für dich passende Bewegungsform zu finden. Genau diese Frage steht auch hinter den drei Leveln in YOGA bei ARTHROSE – nicht ob du dich bewegen darfst, sondern in welcher Form gerade.
Die zweite Botschaft: Kleine Einheiten helfen bereits. Bewegung ist nicht nur das, was du in einer festen Trainingseinheit tust. Auch tagsüber zählt jede kurze Unterbrechung des Sitzens, jeder bewusste Schritt zwischendurch, jede Bewegung, die du in deinen Alltag einstreust. Genau deshalb sind die Alltagshäppchen im Programm kein netter Zusatz, sondern ein zentraler Baustein – sie holen dich dort ab, wo dein Alltag tatsächlich stattfindet, nicht nur auf der Matte.
Und noch etwas wird deutlich, auch wenn sich die Empfehlungen in erster Linie an Fachpersonen richten: Die eigentliche Verantwortung liegt am Ende nicht bei Ärztinnen oder Therapeuten allein. Sie liegt vor allem bei dir. Niemand kann die passende Bewegung für dich finden oder sie an deiner Stelle ausführen – das kannst nur du. Genau darin steckt die eigentlich ermutigende Botschaft dieser Empfehlungen: Du musst nicht auf die perfekte Diagnose oder das eine richtige Rezept warten, um loszulegen. Du darfst anfangen, wo du gerade stehst.
Was du in diesem Artikel gerade miterlebt hast, ist im Grunde ein Blick hinter die Kulissen von YOGA bei ARTHROSE: Das Programm ist kein starres Konzept, sondern lebt. Genau das zeigt sich hier – wie ich Empfehlungen von Fachgremien aufgreife, für mich prüfe und überlege, ob und wie sie sich sinnvoll einbetten lassen. Die wissenschaftliche Fundierung des Programms ist mir wichtig. Deshalb setze ich bei den neuromuskulären Übungen auf die Prinzipien von GLA:D, und deshalb behalte ich neben den EULAR-Empfehlungen auch die Leitlinien der AWMF und der OARSI im Blick.
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Die Informationen ersetzen keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn du gesundheitliche Beschwerden hast oder unsicher bist, kläre bitte vorab mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, ob und wie die Übungen für dich geeignet sind.
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