1. Einleitung
Wir kennen Arthrose als Verschleißerkrankung und denken häufig „Der Knorpel ist geschädigt und abgenutzt, kein Wunder, dass er schmerzt.“ Diese Erklärung klingt einleuchtend. Und ist trotzdem falsch.
Denn Knorpel schmerzt nicht. Er hat keine Schmerzrezeptoren für die Erfassung oder Weiterleitung von Schmerzimpulsen.
Was wirklich hinter deinen Arthrose-Schmerzen steckt, ist vielschichtiger und betrifft das ganze Gewebe rund um unsere Gelenke.
Warum das so wichtig ist? Weil du mit diesem Wissen verstehst, warum Arthrose-Schmerzen so unterschiedlich sein können – und wie du diese Schmerzen deutlich mehr beeinflussen kannst, als nur mit Schmerzmitteln.
2. Das größte Missverständnis über Arthrose-Schmerzen
Arthrose ist keine Erkrankung, bei der Knorpel einfach abreibt und das dann wehtut. Der Prozess ist komplexer. Tatsächlich gibt es bei Arthrose drei Arten von Schmerzen, die gleichzeitig auftreten können:
- Nozizeptive Schmerzen entstehen durch direkte Reizung von Schmerzrezeptoren im Gelenk – durch Druck, Entzündung oder Gewebeveränderungen.
- Entzündliche Schmerzen werden durch Botenstoffe im Gelenk ausgelöst und können auch in Ruhe auftreten.
- Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn das Nervensystem selbst sensibilisiert ist – dann wird aus einem harmlosen Reiz ein starkes Schmerzsignal.
All diese Schmerzen kommen nicht aus dem Knorpel. Sie kommen aus dem Gewebe, das dein Gelenk umgibt, stabilisiert und bewegt. Welches das konkret ist – und warum es schmerzt – schauen wir uns jetzt Schritt für Schritt an.
Wenn Entzündung Arthrose-Schmerzen auslöst: Die Gelenkinnenhaut
Die Gelenkinnenhaut (Synovialis) und die Gelenkkapsel sind von Schmerzrezeptoren durchzogen – und sie reagieren sehr sensibel auf Veränderungen im Gelenk.
Bei Arthrose kommt es häufig zu einer Entzündung der Gelenkinnenhaut, der sogenannten Synovitis. Dabei werden entzündliche Botenstoffe (Zytokine) freigesetzt, die Schwellung, Wärme, eine Mehrproduktion an Gelenkflüssigkeit und Schmerzen verursachen. Viele Betroffene kennen diese Phasen: Das Gelenk fühlt sich heiß und geschwollen an, die Schmerzen sind stärker als sonst.
Diese Entzündungsschübe sind keine Ausnahme – sie gehören zum Verlauf von Arthrose dazu. Und sie sind ein wichtiger Grund, warum Arthrose-Schmerzen so stark schwanken können.
Veränderungen im Knochen: Warum diese typischen Arthrose-Zeichen schmerzen
Auch der Knochen direkt unter dem Knorpel – der sogenannte subchondrale Knochen – ist an Arthrose-Schmerzen beteiligt. Er enthält Schmerzrezeptoren und verändert sich im Laufe der Erkrankung. Typische Arthrose-Zeichen im Knochens sind:
- Subchondrale Sklerose: Verdichtungen des Knochens als Reaktion auf veränderte Belastung.
- Osteophyten: knöcherne Ausziehungen oder Sporne an den Gelenkrändern, die der Körper bildet, um die Belastungsfläche zu vergrößern. Sie reizen u.U. die Knochenhaut und schränken die Beweglichkeit ein.
- Knochenödeme: Flüssigkeitsansammlungen im Knochen, die Druck erzeugen.
- Subchondrale Zysten: flüssigkeitsgefüllte Hohlräume, häufig ein Zeichen fortgeschrittener Arthrose.
Diese Veränderungen erklären, warum manche Arthrose-Schmerzen sich tief und bohrend anfühlen.
Doch die Strukturen, die deinen Alltag vielleicht am stärksten beeinflussen, liegen woanders. Schauen wir deshalb jetzt auf die Muskeln.
Muskeln als Quelle von Schmerzen
Muskeln sind keine passive Umgebung deines Gelenks. Sie stabilisieren es aktiv, entlasten den Knorpel – aber sie können auch selbst zur Schmerzquelle werden.
Bei Arthrose kommt es häufig zu Schonhaltungen. Die Muskeln reagieren mit Verspannungen oder schmerzhaften Verhärtungen (Myogelosen). Außerdem kommt es durch Schonung zum Muskelabbau. Schwäche oder untrainierte Muskeln können das Gelenk nicht ausreichend schützen, was zu Überlastung führt und an neuer Stelle für Schmerzen sorgt. Außerdem senkt Muskelschwäche generell die Schmerzschwelle. Das liegt daran, dass leistungsfähige, aktive Muskeln Myokine produzieren, also hormonähnliche Botenstoffe, die entzündungshemmend wirken. Bei Muskelschwäche bleibt dieser schmerzlindernde Effekt aus.
Gute Nachrichten: Muskeln lassen sich trainieren. Und das verändert nachweislich die Schmerzerfahrung bei Arthrose – unabhängig davon, wie stark der Knorpel beschädigt ist.
Aber lass uns nun auch das Gewebe anschauen, das Muskeln, Knochen und Kapsel verbindet.
Sehnen, Bänder und Schleimbeutel: Oft übersehene Schmerzquellen bei Arthrose
Sehnen verbinden Muskeln mit Knochen und übertragen Kräfte auf das Gelenk. Bänder stabilisieren das Gelenk. Schleimbeutel polstern Reibungsstellen ab. Alle drei Strukturen sind mit Schmerzrezeptoren ausgestattet – und können bei Arthrose gereizt oder entzündet werden.
Besonders häufig zeigen sich Sehnenansatzreizungen als ziehende oder brennende Schmerzen sowie Reizungen des Schleimbeutels (Bursitis), die punktuelle, druckempfindliche Stellen erzeugen. Diese Beschwerden werden manchmal nicht mit der Arthrose in Verbindung gebracht – dabei sind sie oft ein direkter Teil des Geschehens im Gelenk.
War es das? Nein, es gibt noch eine weitere Struktur, die lange unterschätzt wurde.
Faszien: Der unterschätzte Faktor bei Arthrose-Schmerzen
Faszien sind Bindegewebshüllen, die Muskeln, Organe und Gelenke umhüllen und verbinden. Auch die Gelenkkapsel ist fasziales Gewebe. Faszien enthalten Schmerzrezeptoren – und reagieren auf Bewegungsmangel, Entzündung und Stress.
Bei Arthrose reagieren die Faszien auf Schonung und Dybalancen. Sie verhärten, verkleben und büßen ganz allgemein ihre Geschmeidigkeit ein. Dies führ zu Einschränkungen in der Beweglichkeit und zu verstärkten Schmerzen. Gleichzeitig beeinflusst die Faszienspannung, wie sich Druck und Zug im ganzen Gelenk verteilen.
Bewegung, gezielte Dehnung und bestimmte Therapieformen können Faszien positiv beeinflussen – ein weiterer Hinweis darauf, dass du nicht passiv zusehen musst.
3. Was bedeutet das für deine Arthrose-Schmerzen?
Wenn du mit Arthrose lebst und Schmerzen hast, dann liegt das nicht einfach daran, dass dein Knorpel „geschädigt oder weg“ ist. Dein Schmerz entsteht in einem komplexen Zusammenspiel aus Entzündung, Knochen, Muskeln, Sehnen, Bändern und Faszien – und er wird von deinem Nervensystem verarbeitet und bewertet.
Das ist keine schlechte Nachricht. Es ist eine gute. Denn es bedeutet: Du bist diesen Schmerzen nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt neben der Einnahme oder Injektion von Schmerzmitteln auch konservative Verfahren, mit denen du dir selbst etwas Gutes tun kannst.
- Entzündungen lassen sich beeinflussen – durch Ernährung, Bewegung und Stressreduktion.
- Muskeln lassen sich trainieren.
- Faszien lassen sich mobilisieren.
- Das Nervensystem lässt sich beruhigen.
Schmerzen bei Arthrose zu verstehen ist der erste Schritt, um aktiv mit ihnen umzugehen – nicht nur zu warten, bis sie schlimmer werden.
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Gesundheitshinweis:
Alle Inhalte sind mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen erstellt. Sie spiegeln meine fachliche Einschätzung sowie persönliche Erfahrungen wider.
Die Informationen ersetzen keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn du gesundheitliche Beschwerden hast oder unsicher bist, kläre bitte vorab mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, ob und wie die Übungen für dich geeignet sind.
Du entscheidest selbstverantwortlich, was dir guttut und was du umsetzt.
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